top of page

Kollusion: das unbewusste Zusammenspiel im Paar

vor 3 Stunden
4 Min. Lesezeit

Was bedeutet Kollusion?

Der Begriff stammt vom Schweizer Paartherapeuten und Psychiater Jürg Willi, der ihn 1975 in seinem Buch Die Zweierbeziehung bekannt gemacht hat. Das lateinische colludere heißt „zusammenspielen“.


Willi beschreibt damit das unbewusste Zusammenspiel zweier Partner, die ein gemeinsames, ungelöstes Grundthema teilen – sie gehen es nur von entgegengesetzten Seiten an:

  • Eine Person übernimmt die progressive Position: stark, gebend, kontrollierend, „erwachsen“.

  • Die andere übernimmt die regressive Position: bedürftig, nehmend, angepasst, „kindlich“.


Jede Seite lebt damit etwas aus, was der anderen fehlt – und wehrt zugleich den eigenen ungelebten Gegenpol ab. Wer immer stark sein muss, darf über den bedürftigen Partner indirekt Schwäche erleben, ohne sie selbst zeigen zu müssen. Und umgekehrt.

Am Anfang einer Beziehung fühlt sich das oft wunderbar an – wie ein perfektes Puzzle. Mit der Zeit verfestigen sich die Rollen jedoch. Was einmal Anziehung war, wird zum Vorwurf: „Du bist immer so bedürftig!“ – „Und du lässt mich nie an dich ran!“

Eye-level view of a cozy counseling room with two chairs and a small table
Zu zweit ergeben sich neue Perspektiven...

Vier typische Grundthemen

Willi unterscheidet vier Themen, um die sich Kollusionen häufig drehen. Sie sind keine Schubladen, sondern Landkarten – die meisten Paare finden sich in Anteilen wieder.

Grundthema

Worum es geht

Progressive Seite

Regressive Seite

"Nimm mich wie ich bin", oder „Liebe als Einssein“

Wie viel Eigenständigkeit darf ich in der Beziehung haben?

bewundert werden, im Mittelpunkt stehen

sich anpassen, im anderen aufgehen

"Hilf mir", oder „Liebe als Einander-Umsorgen“

Wer gibt, wer nimmt?

versorgen, helfen, stark sein

sich versorgen lassen, bedürftig sein

"Du bist mein", oder „Liebe als Einander-ganz-Gehören“

Wer bestimmt, wer hat Kontrolle?

lenken, kontrollieren, entscheiden

sich fügen, oft mit passivem Widerstand

"Schau wie toll ich bin" oder „Liebe als Bestätigung“

Wer ist stark, wer ist schwach, oft entlang von Geschlechter-bildern?

sich beweisen, überlegen wirken

bewundern, sich klein machen

Die Muster dahinter sind aber erstaunlich alltagsnah – und sie sind keineswegs an Geschlechter gebunden.


Der systemische Blick: Niemand ist „schuld“

In meiner Arbeit als systemischer Paartherapeut ist mir eines besonders wichtig: Kollusion ist keine Diagnose und kein Etikett. Sie ist eine Einladung, das eigene Muster mit anderen Augen zu sehen.

Aus systemischer Sicht gibt es in einem solchen Kreislauf keinen Anfang und keinen Schuldigen. Sein Rückzug ist eine Antwort auf ihre Übernahme – und ihre Übernahme eine Antwort auf seinen Rückzug. Die Frage „Wer hat angefangen?“ führt deshalb fast immer in die Sackgasse.

Hilfreicher ist die Frage: Wofür ist das Muster gut – für beide? Denn jede Kollusion schützt auch etwas: vor der Angst, verlassen zu werden, vor dem Gefühl, nicht zu genügen, oder vor der eigenen Verletzlichkeit.

Jürg Willi selbst hat das Konzept später zur Idee der Koevolution weiterentwickelt: Partner fordern einander heraus, sich zu entwickeln. In diesem Sinne ist eine festgefahrene Kollusion nicht nur ein Problem – sie zeigt ziemlich genau, wo beide noch wachsen dürfen.


Fragen zum Nachdenken – allein oder zu zweit

Wenn Sie Ihr eigenes Muster erkunden möchten, können diese Fragen ein Anfang sein:

  1. Bei welchem Thema landen wir immer wieder im gleichen Streit?

  2. Welche Rolle übernehme ich dabei meistens – und welche mein:e Partner:in?

  3. Was würde ich verlieren, wenn ich meine Rolle einmal nicht spiele?

  4. Was bewundere ich insgeheim an der Art meines Gegenübers – und was davon würde ich mir selbst gern erlauben?

  5. Woran hat mich unser Muster am Anfang der Beziehung vielleicht gerade angezogen?

Sie müssen darauf keine fertigen Antworten finden. Oft reicht es schon, die Fragen eine Weile mit sich herumzutragen.


Wie Paartherapie helfen kann

Von innen ist eine Kollusion schwer zu erkennen – man steckt ja mittendrin. Ein Blick von außen kann helfen, das Muster sichtbar zu machen, ohne dass eine Seite zum „Problem“ erklärt wird.

In der Paartherapie geht es dann nicht darum, wer recht hat. Es geht darum,

  1. das gemeinsame Grundthema zu erkennen,

  2. zu verstehen, was jede Seite durch ihre Rolle schützt,

  3. und Schritt für Schritt neue Bewegungen auszuprobieren. Zum Beispiel, dass die starke Seite einmal Schwäche zeigen darf und die zurückhaltende Seite Verantwortung übernimmt.

Das ist anfangs ungewohnt, manchmal auch unbequem. Aber genau darin liegt die Chance: Aus einem starren „Entweder du oder ich“ kann wieder ein lebendiges Miteinander werden.

Wenn Sie sich in diesem Artikel wiedererkennen und Ihr Muster gemeinsam anschauen möchten, melden Sie sich gern für ein unverbindliches Erstgespräch.

Sönke Haas – Systemischer Paar- und Familientherapeut (DGSF)


Das Foto zeigt Sönke Haas, einen Coach, der bei Konflikten in Beziehungen helfen kann.

Als systemischer Berater in Karlsruhe konzentriere ich mich auf die Unterstützung von Paaren durch Paartherapie und für Einzelpersonen mit Coaching. Mein Ansatz basiert auf der systemischen Betrachtung von Problemen, die ich nicht als individuelle Defizite, sondern als Ergebnisse der Bedingungen im sozialen Kontext eines Menschen sehe.


Dies umfasst das größere System um die Beziehung, einschließlich Familie und berufliches Umfeld. Als zertifizierter systemischer Familientherapeut und Berater biete ich Paartherapie und Coaching an, die auf einer tiefgehenden Analyse, Ressourcenorientierung und individuellen Herangehensweisen basiert. Mein Ziel ist es, Paaren und Einzelpersonen zu helfen, neue Perspektiven zu entdecken und ihre Situation zu verbessern. Ich glaube an das Potenzial jedes Paares, jeder Person, Konflikte zu überwinden und eine neue Perspektive zu entwickeln.


Quellen und Literatur

  • Willi, Jürg (2012): Die Zweierbeziehung. Das unbewusste Zusammenspiel von Partnern als Kollusion. Erweiterte Neuausgabe, 7. Auflage. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch. ISBN 978-3-499-62758-3. In dieser Ausgabe ergänzt Willi die vier ursprünglichen Kollusionsmodelle um drei weitere (Bindung, absolute Liebe, sexuelles Begehren) und beschreibt den Übergang von der Kollusion zur Koevolution.

  • Willi, Jürg (1985): Koevolution. Die Kunst gemeinsamen Wachsens. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt.

  • Interview mit Jürg Willi (2013): „Die Zeit war reif für das Konzept der Kollusion …“. PIÖ, Heft 5/2013.


Kommentare


bottom of page